DAG
Chromatische Oligarchien
"... ja, es war, als reize es auf zu immer
neuen, gewaltsamen Anstrengungen, rasende Anläufe in Oktaven folgten ihm, die
in Schreie ausklangen, und dann begann ein Aufschwellen, eine langsame,
unaufhaltsame Steigerung, ein chromatisches Aufwärtsringen von wilder,
unwiderstehlicher Sehnsucht, jäh unterbrochen durch plötzliche, erschreckende
und aufstachelnde Pianissimi, die wie ein Weggleiten des Bodens unter den Füßen
und wie ein Versinken in Begierde waren..." Thomas Mann, Buddenbrooks
Das Zitat aus Thomas Manns "Buddenbrooks"
zeigt, wie Literatur und Musik eine wechselvolle Beziehung eingehen können. Das
Schreiben über Musik bekommt einen eigenen musikalischen Charakter und bleibt
doch Literatur. Zwischen den verschiedenen ästhetischen Sparten Literatur,
Kunst und Musik hat es in unserer Kultur immer eine mehr oder weniger starke
Verbindung gegeben. Wechselseitige Beeinflussung tauchten verstärkt seit der
Moderne auf - am deutlichsten ist dies an der Wagnerischen Forderung nach einem
Gesamtkunstwerk und am Wirken des Expressionismus abzulesen.
Diese kunsthistorischen Referenzen mögen als
gesichertes Wissen vorliegen, die Künste haben jedoch nie die Forderung nach
Ganzheitlichkeit, die von ihnen erwartet wurde, eingelöst. Ansätze, die Grenzen
zwischen den Künsten aufzulösen oder sich den Grenzen anzunähern, hat es
indessen immer wieder gegeben. Eine Annäherung an diese Grenze zeigen die
Malereien von DAG.
Seine Bilder bestehen aus wenig Malmaterial. Sie
zeigen oft wenig Farbe auf monochromen, meist weißem Grund. Dabei
vernachlässigt er das Material, wie man es seit Beginn der Malerei nicht mehr
kennt. Dag malt aus! Er funktionalisiert die Farbe, indem er sie flächenhaft
den dargestellten Formen zuordnet. Wie bei einem Synthesizer werden die
Formelemente gesampelt, gepitcht und von störenden Farbgeräuschen bereinigt und
zielbewusst eingesetzt. Einen noch größeren Stellenwert als das Farbmaterial
besitzen eben die Formen. Die abgerundeten Formen organischen Ursprungs
erinnern an Patterns oder Musterelemente. Sie fügen sich zusammen zu kleinen
rhythmischen Verdichtungen, die ausschnitthaft dargestellt sind. Der Rapport
bleibt jedoch aus, da er mit seinen Bildern keine industriellen Muster
verfertigt.